Diango Hernández art works and texts

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Zum Lunch mit Castro

DIE WELT Artikel vom 02.08.2015 / Ausgabe 31 / Seite 7

In der Calle 13 herrscht Aufbruchstimmung. Mit einem kühlen Drink in der Hand stehen amerikanische, deutsche und kubanische Künstler und Intellektuelle auf der Dachterrasse der Ludwig Foundation in Havanna und diskutieren unbefangen über die Kunst und die Welt. Eine solche Zusammenkunft wäre vor wenigen Jahren noch recht heikel gewesen. Sicher hätte der ehemalige Diktator des Karibikstaates Fidel Castro seine Spitzel in das noble Botschaftsviertel geschickt, um zu erfahren, welche seiner Revolutionskinder Kontakte zum kapitalistischen Ausland haben. Doch jetzt, gut sieben Monate nachdem sich der amerikanische Präsident Barack Obama und der kubanische Präsident Raúl Castro angenähert haben, ist Verständigung keine Ausnahme mehr. Nach rund 54 Jahren haben die beiden Staatsoberhäupter die politische Eiszeit für beendet erklärt und damit den Startschuss für die Entwicklung einer entspannten Staatenbeziehung gegeben. Davon profitieren nicht nur die in den Startlöchern stehenden Unternehmen, sondern auch die Kulturszene. Was allerdings nicht bedeutet, dass Kuba mit der Öffnung gen Westen auch seine Willkürherrschaft und Menschenrechtsverletzungen ad acta gelegt hat.

Dass sich die Kunstszene in der Ludwig Foundation trifft, ist keine unmittelbare Folge des Tauwetters. Denn schon länger hat die Stiftung des verstorbenen Aachener Sammlerehepaars Peter und Irene Ludwig hat daran mitgewirkt, dass die Verbindungen zwischen Kuba und Deutschland geschmeidig werden. Wie so häufig war die Kunst schon vor Ort, als die Politik das Thema noch nicht einmal auf ihrer Agenda hatte. Der Schokoladenproduzent Peter Ludwig besuchte das Land der “glorreichen Revolution” ungeachtet politischer Vorbehalte des Westens gegen den sozialistischen Staat schon vor über 20 Jahren. Seit 1995 kümmert sich seine Stiftung in Havanna offiziell um die Präsentation junger kubanischer Kunst und pflegt den Austausch mit der Szene.

Auch in der westlichen Kunstwelt stieß die Kuba-Passion der Ludwigs auf Unverständnis. War doch das Ehepaar vor allem für seine Sammlung amerikanischer Pop-Art bekannt und galt daher als westlich orientiert. Doch Peter und Irene Ludwig ging es nicht allein um die Zusammenstellung einer schicken, marktgängigen Kollektion, sondern um “internationale Verständigung”. Nach und nach entwickelten die beiden durchaus eigenwilligen Kunsthistoriker ein Spektrum mit Institutionen und Museen in demokratisch wie auch in autoritär geführten Ländern. Darunter befinden sich Budapest, Peking, St. Petersburg und Havanna, genauso wie Wien, Aachen, Köln, Oberhausen und Basel.

Er sei “wahnsinnig von der Leistung der sozialistischen Kunst fasziniert” gewesen, gab Ludwigs Aachener Kustos Wolfgang Becker dem “Manager Magazin” damals zu Protokoll. Dass das Wirtschaftsblatt die Leidenschaft des Sammlers mit einem lapidaren “wie wundersam” kommentierte, war nicht ungewöhnlich, galt doch Kuba als ein Drittwelt-Land, das sich ganz in die wirtschaftliche Abhängigkeit der Sowjetunion begeben hatte. Dass Kuba aber ein gutes Schul- und Universitätssystem, ein hohes Bildungsniveau und eine ausgefeilte Kunst-Ausbildung hat, war nur wenigen bekannt.

Einer davon war Jürgen Harten, Leiter der Kunsthalle in Düsseldorf. Bereits 1990 organisierte er die Ausstellung “Kuba o.k.: aktuelle Kunst aus Kuba”. Peter Ludwig besuchte die Schau, kaufte fast alle Werke und reiste postwendend nach Kuba. “Damals befand Kuba sich in einer sehr tiefen Krise”, sagt Wilfredo Munoz. Der Leiter der Ludwig Foundation Havanna kennt die Genese der Stiftung aus eigener Anschauung. Als junger Wissenschaftler war er von Anfang an dabei. Damals war er unter anderem für die Organisation der Atelier-Besuche von Ludwig zuständig. Das war keine einfache Mission, denn der Unternehmer liebte die Pünktlichkeit. Die ist allerdings nicht so einfach mit kubanischem Leben in Einklang zu bringen. Munoz fand eine Lösung für das Problem. Er stieg eine Weile vor den ausgemachten Treffen auf sein Fahrrad, um zu schauen, ob der Künstler auch vor Ort ist.

Peter Ludwig kam dann zum vereinbarten Zeitpunkt zum Atelier – natürlich mit einem der alten Kuba-Automobile –, begleitet von Helmo Hernández, dem heutigen Präsidenten der Ludwig Foundation Havanna, der für die Stiftung nach wie vor die Brücke zu den Künstlern ist. Insgesamt fünf Mal besuchte Ludwig Kuba. Das letzte Mal 1996, kurz vor seinem Tod. In dem Zeitraum von fünf Jahren haben Peter Ludwig, Helmo Hernández und Wilfredo Munoz eine Kunstbasis aufgebaut, die gleichermaßen bei Künstlern wie beim kubanischen Staat angesehen ist. Das war kniffelig, denn das Land befand sich in einer extrem schwierigen Situation. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs verlor Kuba seinen wichtigsten Wirtschaftspartner, die Sowjetunion. Das hatte zur Folge, dass die Bevölkerung viele Jahre lang unter einem extremen Mangel an Lebensmitteln und alltäglichen Gütern litt. Fidel Castro reagierte auf die Notsituation zwar mit der vorsichtigen Entwicklung des Tourismus, also mit einer partiellen Öffnung des Landes, aber ideologisch hielt der Diktator die Zügel straffer denn je.

“Die Kunst war damals die einzige Möglichkeit, sich zu äußern”, sagt Wilfredo Munoz. Doch es wurde immer schwieriger, Werke zu zeigen, die auch nur den Anschein hatten, den Staat zu kritisieren. In jenen Jahren verließen viele Künstler und Literaten das Land Richtung Miami oder Mexico City.

Und genau in jener ideologisch festgefahrenen Zeit wagte Ludwig die Gründung seiner Stiftung. Das konnte gelingen, weil er die kubanischen Autoritäten mit in seine Pläne einbezog. “Damals habe ich nicht verstanden, warum er bei der Vergabe von Stipendien mit dem Kulturministerium zusammenarbeitet”, sagt Munoz. “Heute weiß ich, das war sehr geschickt. Ludwig schuf damit eine Atmosphäre des Vertrauens.” Ohne die wäre es nicht möglich gewesen, dass jedes Jahr ein bis zwei Künstler nach Deutschland reisen durften, um für mehrere Monate ein Stipendium in Aachen wahrzunehmen. Darunter waren heute so bekannte Künstler wie Kcho, Diango Hernandez und Lázaro Saavedra. Etwa 100 Werke kubanischer Künstler befinden sich heute in der Sammlung, die im Ludwig Forum Aachen untergebracht ist.

Dass die kubanischen Behörden die Arbeit der Stiftung nicht torpedierten, lag möglicherweise auch daran, dass man um Ludwigs gute Kontakte mit deutschen Politikern wusste. Kuba war nach dem Wegfall des sozialistischen Bruders Sowjetunion auf der Suche nach neuen Allianzen. Deutschland war eine Option. So wundert es nicht, dass Fidel Castro Peter Ludwig und seine Frau Irene einmal zum Lunch eingeladen hat. Aber das, sagt Munoz, sei behandelt worden wie ein Staatsgeheimnis.

Seit einigen Jahren hat sich die Arbeit der Ludwig Foundation Havanna stark gewandelt. Sie öffnet sich für Literatur, Tanz, Theater und Architektur. Dabei geht es Munoz nicht darum, neuste Tendenzen vorzustellen, sondern sein Ziel ist es, gesellschaftliche Prozesse zu thematisieren. Zurzeit findet eine Vortragsreihe mit dem Titel “extra hours” statt. Gemeint ist die Zeit, die kubanische Architekten verwenden, um Entwürfe für private Bauherren zu machen. Bislang war das nicht möglich, da der Staat den Architekten bestimmte. Doch mit der schleichenden Einführung des privaten Sektors gibt es zunehmend nicht-staatliche Auftraggeber, die sich ihre Architekten selber aussuchen möchten. Mit der Diskussionsreihe stößt die Foundation eine gesellschaftspolitische Debatte an – und wirbt damit, ganz nebenbei, für internationale Verständigung.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Goethe-Institut.
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photo: Reinforced Concrete. Ordo Amoris Cabinet (Diango Hernández / Francis Acea) 1997
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DIE WELT
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News/Texts

Diango Hernández at Nicolas Krupp by Quinn Latimer for Artforum, March 2012

But water, in all its forms―liquid flood, steamlike evaporation, crystal-like ice―was the point of Hernández’s show. See the suit of nine framed works on paper, Crsitales, 1936 (all works 2011), which opened the exhibition in one long, even row. The elegantly modern black-and-white prints of heavy and decorous Villeroy & Boch crystals goblets and glasses―arranged on tabletops like classically commercial rejoinders to Giorgio Morandi’s more abstracted assemblages of vases―were taken from a 1936 German catalogue. Besides the framing, Hernández’s touch could be located in the delicate pools of translucent watercolor that filled many of the glasses with lemon, sky blue, and rusty orange. Farther down the wall hung a set of larger, watercolor-on-linen paintings, from a series titled ‘Humid Memories,’ 2011-, the same bright colors illuminating their brown-linen grounds. Here the color assumed the form of cloudlike stains, hovering and blossoming from the canvases’ centers. It was as if a painting by Paul Klee and Marc Chagal had been distilled of both figure and form until just color―ever so subtle, without gesture―remained, gorgeously spectral yet oddly specific... Keep Reading

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News/Texts

Diango Hernández. Lonely Fingers by Annelie Pohlen for Kunstforum International, March 2012

ls Georg Elben 2011 die Leitung des Skulpturenmuseum Glaskasten übernimmt, handelt er so wie nahezu alle neuen Direktoren in ihren Häusern. Er inspiziert die hauseigenen Güter und Leihgaben. Der im Museumsnamen ausgewiesene Schwerpunkt ist unübersehbar. Man begegnet ihm unweigerlich auf dem Weg durch die ausgedehnten Grünflächen im Außenraum. Einen überregionalen Rang hat sich das Institut… Keep Reading

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Books

Lonely Fingers A Book published by Distanz in the occasion of Diango Hernández solo exhibition "Lonely Fingers" at Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Germany

The works of Diango Hernández (b. Sancti Spíritus, Cuba, 1970; lives and works in Düsseldorf) examine his own experiences and personal relationships, which the artist embeds in larger social and political reflections. A central theme of Hernández’s artistic quest are his reflections on the traumatic and often unaccomplished transitions of Cuban society: the painful legacy of slavery... Keep Reading

LOSING YOU TONIGHT692
Interviews/News/Texts

Breaking the isolation by Gerhard Obermüller

unst als Anamnese (trans)nationaler Geschichtsvergessenheit. Die Geschichte einer kleinen Insel in der Karibik bleibt weiterhin von Bedeutung für uns. Auch lange nach dem Ende der bipolaren Weltordnung und des Kalten Krieges, für dessen Höhepunkt Kuba und die Kuba-Krise stehen, bleibt das kubanische Dilemma bestehen. Der Ausnahmezustand einer über fünf Jahrzehnte prolongierten Revolution bestimmt weiterhin einen… Keep Reading

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