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Der distanzierte Blick auf die Insel by Eva-Christina Meier für das Goethe Institut

Seit 2003 lebt der 1970 auf Kuba geborene Konzeptkünstler Diango Hernández in Düsseldorf. International bekannt wurde er mit raumgreifenden Installationen aus Möbeln, Fundstücken des Alltags, Zeichnungen und Collagen, die mit biografischen Bezügen und mit einer Ästhetik des Provisorischen auf die kubanische Lebensrealität und die Rhetorik der Revolution verweisen.

Aufgewachsen in Sancti Spiritus und Camagüey erlebte Diango Hernández die nach dem Zerfall der Sowjetunion einsetzende, dramatische Wirtschaftskrise des Landes, die „Sonderperiode“ (Periodo especial), als er sein Designstudium in Havanna beginnt. Doch erst 1994, als er nach seinem Abschluss die Gelegenheit bekam, im Ministerium für Bauwesen und im staatlichen Architekturbüro zu arbeiten, wurde ihm das ganze Ausmaß dieser von absolutem Mangel geprägten „Sonderperiode“ deutlich. Hernández kündigte und gründete mit Freunden die Gruppe Ordo Amoris Cabinet, die sich zunächst als Design-Forschungsprojekt verstand. Mit der Förderung durch die kurz zuvor in Havanna niedergelassenen Ludwig Stiftung, erlebten sie den Übergang von Design über Forschung zur Bildenden Kunst als fließend.

Ein unabhängiger Geist
Während viele Kubaner in die Vereinigten Staaten auswanderten, entschied sich Hernández, vor allem wegen seines Interesses für zeitgenössische Kunst, nach Italien, Spanien und schließlich nach Düsseldorf zu gehen.
In steter Auseinandersetzung mit der neuen künstlerischen Umgebung hinterfragte er nun seine aus Kuba mitgebrachte Ästhetik sowie die Diskursfähigkeit der Objekte, deren Rhetorik der Prekarität entstammen. Aus dieser für ihn produktiven Situation entwickelte der Künstler eigenwillige, aber für den Betrachter zugängliche Denkräume, in denen sich poetische und rationale Momente miteinander vereinen.

In der ersten Phase entstanden konzeptionelle Arbeiten, die verschiedene Aspekte des kubanischen Alltags interpretieren. So präsentierte Diango Hernández in seiner Ausstellung Revolution in der Kunsthalle Basel 2006 einen streng durchkomponierten Parcours aus Objekten und Zeichnungen, die von provisorischen Strukturen in Zeiten der Krise, aber auch vom Aufwachsen in einem autoritären System handeln, das kulturell durch die Ideologie des Ostblocks geprägt ist.
Über die drückende Präsenz der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Alltag des Einzelnen urteilt der Künstler heute: „In Kuba fällt es sehr schwer, sich von der Realität, die dich berührt, zu distanzieren. Distanz aber erlaubt dir, die Kunst und ihr Potenzial zu erkennen“.

Die Tropen übersetzen
Nach 2013 verändert sich Hernández künstlerische Praxis. Während der Vorbereitung zu der Ausstellung für den Nürnberger Kunstverein In hazard, translated (2014), reist er spontan nach Havanna. Dort, bei der zufälligen Beobachtung einer Gruppe jugendlicher Obstverkäufer, übersetzt sich für ihn ein Gefühl in ein reales Bild: die Abgeschiedenheit der Tropen und der Kultur der Karibik. Die Wiederentdeckung eines tropischen Kubas eröffnet Hernández neue künstlerische Perspektiven. Sie zeigt ihm die Bedeutung der Übertragung, „etwas zu verwandeln, das uns erlaubt zu verstehen, was eigentlich unverständlich ist.“ Die literarische Schilderung eines tropischen Hurrikans, der 1932 die Südküste Kubas verwüstete und Orangen, Mangos sowie Papayas durch die Luft wirbeln ließ, übersetzt Hernández im Nürnberger Kunstverein in minimalistische Installationen und Assemblagen aus verderblichen Südfrüchten.

Theoretischer Strand
In Theoretical Beach, seiner aktuellen Ausstellung im Museum Schloss Morsbroich, überziehen wellenförmige, mit dem Pinsel gezogene Linien in maritimen Blau Räume und Objekte. Hernández hat dafür die langen, oft improvisierten Reden Fidel Castros, die durch Lautsprecher verstärkt das Hintergrundgeräusch im Alltag der Insel bildeten, in gemalte Wellen übertragen. Mit Orangen besetzte Aluminiumleuchter, einem Arrangement von Skulpturen der kubanischen Moderne, dem angedeutete Grundriss des Elternhauses und mit weißem Sand gefüllten Bänken: Im Zusammenspiel mit verspielten Zeichnungen und reduzierten Installationen überträgt Diango Hernández das Bild und die Synthese einer Landschaft, einer Kultur und eines politischen Systems.

Trotz der vielfältigen biografischen Bezüge seines Werks widerstrebt es Diango Hernández, als kubanischer Künstler bezeichnet zu werden: „Ich sehe keine Notwendigkeit, die Nationalität hervorzuheben.“ Das sieht Heinzelmann, Direktor des Leverkusener Museum Morsbroich, ähnlich. Für ihn ist Hernández „einer der wichtigsten jüngeren und auch international beachteten Künstler des Rheinlands“, der karibisches Improvisationstalent mit reduzierter Konzeptualität verbindet.

Einzelausstellung: Diango Hernández „Theoretical Beach“ bis 28. August 2016, Museum Morsbroich Leverkusen. Gruppenausstellung: Wir nennen es Ludwig, kuratiert von Yilmaz Dziewior 27. August 2016 – 8. Januar 2017, Museum Ludwig, Köln.
Goethe Institut
Eva-Christina Meier schreibt als freie Autorin für Die Tageszeitung und Neue Zürcher Zeitung.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion Juli 2016

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Books

Diango Hernández Theoretical Beach

The Cuba in my art is an invention …

 

Diango Hernández (b. Sancti Spíritus, Cuba, 1970; lives and works in Düsseldorf) says about the genesis of his works, which reflect his childhood and youth in socialist Cuba as well as his experience as a migrant. The book Theoretical Beach combines conceptual considerations with tropical sensuality; their union is the creative matrix for the artist’s work in a variety of media (sculpture, installation, mural, painting, and drawing), which intertwines an exploration of personal experiences and larger questions of memory, the search for an identity, longing, translation, and what it means to leave one place and arrive in another with critical reflections on the history of art.

Produced in close collaboration with the artist, Theoretical Beach documents four of his most recent exhibitions in 2015–2016 (Kunsthalle Münster; MOSTYN, Wales; K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Museum Morsbroich, Leverkusen). The respective curators, Marcus Lütkemeyer, Alfredo Cramerotti, Susanne Meyer-Büser, and Stefanie Kreuzer, as well as Timotheus Vermeulen have contributed essays analyzing the artist’s work; a text by Diango Hernández himself and a preface by Markus Heinzelmann round out the volume.

diango hernández theoretical beach Diango Hernández Theoretical Beach Diango Hernandez TB 61
Editors:
Stefanie Kreuzer
Release Date: July 2016
Format: 22 × 28 cm
Features: 192 pages, 90 color images, hardcover with half-linen
Design: Petra Hollenbach
Product details: Published by Distanz
Language: German / English
ISBN: 978-3-95476-161-6
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The art of the Turks. Modernisation as Fiction

Curated by Manuel Graf and Hans-Jürgen Hafner with Abdullah Frères, Haluk Akakçe, Erdağ Aksel, Fikret Atay, Bedri Baykam, Rudolf Belling, Adnan Çoker, Manuel Graf, Hans-Jürgen Hafner, Osman Hamdi Bey, Diango Hernández, Clemens Holzmeister, Kiron Khosla, Hans Poelzig, Berthold Reiß, Bruno Taut, Yazbukey und Ahmet Ziya … Keep Reading

INTERVIEWS View all

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Interview – Diango Hernández by Aujourd’hui

Living abroad is a very particular experience, something that certainly has many degrees of complications. In which distance plays a very important role, this distance can be physical and/or cultural as well.The more distant you are the more attracted you become to this original source of energy that is the place in which we were born... … Keep Reading

GROUP EXHIBITONS View all

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Relevant Notes at Cara Gallery, NY

June 23 – July 30, 2016 Opening Reception Thursday June 23, 6 – 8 PM   ara Gallery is pleased to present Relevant Notes, a collective exhibition that presents a dialogue between the work of 11 artists to explore the boundaries of disciplines among installation art, land art and architecture. Exhibiting in a wide variety of medias including installation, drawing, photography, painting and sculpture – each created over the past five decades – act as relevant notes to the testimony of the artists’ interpretation of the concept of human intervention. Studying their sustainability in the natural environment, these artists take the location and materials of their work into careful consideration using cultural, political and environmental histories to create art as… … Keep Reading

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We Call It Lud­wig curated by Yilmaz Dziewior at Mu­se­um Lud­wig, Cologne

The history of reflecting on the art institution extends far back into the twentieth century. Beginning with Marcel Duchamp, whose urinal from 1917 radically questioned the premises of the art system, to artists of the 1960s and 1970s such as Michael Asher, Marcel Broodthaers, Daniel Buren, and Hans Haacke, as well as the Context Art of the 1990s, a genealogy of the analysis of art and its institutions can be traced... … Keep Reading

LONELYFINGERS View all

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To the promise a text by Timotheus Vermeulen

It’s difficult to say for me whether these pictures are really the product of a couple of days, weeks or years of cutting and pasting by Haussman. They might be. Perhaps they are not. The point is that it doesn’t matter. Not necessarily. It matters if you measure the value of art as... … Keep Reading

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The abducted photo a text by Diango Hernández

The history of lies is far more interesting than the history of truths. What would happen if one day all lies become the new truths? Unfortunately this is neither a supposition nor a prediction, in fact it seems to be our present... … Keep Reading

Diango Hernández
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